DAS KINO BRAUCHT EUROPA, EUROPA BRAUCHT DAS KINO

Pressemitteilung
11. Mai 2026

„Keine Kunstform geht über das alltägliche Bewusstsein hinaus wie der Film, direkt zu unseren Emotionen, tief in die Dunkelkammer der Seele."

Mehr als 130 Jahre lang wurde diese Dunkelkammer, wie Ingmar Bergman sie nannte, durch das Schaffenanderer zum Leben erweckt – durch ihre Gedanken, ihre Kämpfe, ihre Worte und ihre Blicke.

Kino entsteht aus dem Wunsch, etwas zu erschaffen. Durch eine Abfolge von Begegnungen entstehtein Film: Autorinnen, Regisseure und Produzentinnen entwickeln ihn, Kameraleute, Schauspielende und technische Teams tragen dazu bei, Filmfonds fördernseine Entstehung, Weltvertriebe und Verleihe bringen ihn in Kinos und auf Festivals – später folgen Sender und Streamingdienste, die Kritik debattiert, und das Publikum schließlich erlebt ihn.

Das Filmemachen ist eine kollaborative Kunst. Als Industrie schafft es Arbeitsplätze und treibt technologische Innovation voran. Und doch bleibt jeder Film ein Unikat, das sich nicht am Fließband reproduzieren lässt. Beim Erzählen von Geschichten gibt es keine Skaleneffekte. Es erfordert bewusste politische Entscheidungen, die öffentliche wie private Akteure einbeziehen.

Europa selbst, als gemeinschaftliches Unterfangen, wurde in Geschichten erdacht, bevor es gebaut wurde. Es ist, in Stefan Zweigs Worten, ein Kontinent der Ideen, nicht der Armeen. Das Kino hat dieses gedachte Europa zum Leben erweckt: La Dolce Vita, Der Himmel über Berlin oder Die fabelhafte Welt der Amélie machten Rom, Berlin und Paris zu gemeinsamen kulturellen Referenzpunkten. Anatomie eines Falls, Sirat oder The New Year That Never Came sind weltweite Erfolge europäischer Talente, die weiterhin über Sprachen und Grenzen hinweg Brücken bauen.

In Europa ist die politische Entscheidung für das Kino – ob tschechisch, italienisch, schwedisch, slowenisch, portugiesisch oder belgisch – das MEDIA-Programm. So wie die Idee Europas selbst ein einzigartiges Projekt ist, hat das MEDIA-Programm eine ebenso einzigartige Idee: die vielfältigen europäischen Stimmen unter einem Dach lebendig zu erhalten.

Seit über 35 Jahren fördert das Programm die Entstehung europäischer Geschichten – von der Drehbuchentwicklung und der Produktion durch unabhängige Produktionsfirmen, über Kino- und Online-Auswertung und die Teilnahme an Festivals bis hin zur Aus- und Weiterbildung von Fachleuten. Es hat den unterschiedlichsteneuropäischen Projekten eine Chance gegeben, auch den unerwartetsten, von Ost bis West und von Nord bis Süd. Aufbauend auf dem Rechtsrahmen der EU und ihrer Mitgliedstaaten hat es unsere Branchen befähigt, sich gegen globale Schwergewichte zu behaupten, branchenweite Umbrüche zu meistern, statt der Gleichmachung zu verfallen – und ein vitales Ökosystem gefördert, das Arbeitsplätze schafft.

MEDIA ist nur ein Tropfen im Ozean der europäischen Förderung: Das Programm macht 0,2 % des EU-Haushalts aus, während allein die gemeinsame Agrarpolitik 32 % dieses Haushalts beansprucht.
Dennoch schreibt das Programm europäische Erfolgsgeschichte von unschätzbarem Wert.

Dank MEDIA konnten die frühen Werke von Ruben Östlund oder Justine Triet die Welt bereisen – und so Karrieren formen, die heute Filmgeschichte schreiben.

Dank MEDIA gehen fast jedes Jahr Oscars an europäische Werke: Nach Flow, dem Animationsfilm von Gints Zilbalodis, folgten 2026 Joachim Triers Sentimental Value und die Dokumentation Mr Nobodyagainst Putin von David Borenstein und Pavel Talankin.

Dank MEDIA erreichen die Stimmen exilierter und verfolgter Filmautoren wie Jafar Panahi oder Mohammad Rasoulof ein weltweites Publikum.

Dank MEDIA können unsere geliebten Programmkinos mit ihrem vielfältigen Programm geöffnet bleiben und müssen nicht ihre Türen schließen.

Ohne MEDIA wären wir alle ein Stück weniger europäisch.

Der griechische Filmemacher Costa-Gavras sagte einmal: „Man kann mit einem Film die politischeÜberzeugung eines Menschen nicht verändern, aber man kann zumindest eine politische Diskussionentfachen." In Zeiten, die von Krieg, geopolitischen Spannungen und Druck auf die Demokratie – unserwichtigstes gemeinsames Gut – geprägt sind, ist diese Funktion unverzichtbar. Wir stehen in der Pflicht,den nächsten Generationen einen Sinn für gemeinsame Erlebnisse, Empathie und Widerstand zu vermitteln.

Die Fähigkeit Europas, seine eigenen Geschichten zu erzählen, gerät zunehmend unter Druck. Die meisten in Europa gesehenen audiovisuellen Produktionen stammen von außerhalb des Kontinents. Globale Plattformen gestalten mehr und mehr die Sichtbarkeit, den Zugang und die Geschichten. Gleichzeitig steht die Filmbranche vor strukturellen Veränderungen: sich wandelnde Sehgewohnheiten und rückläufige Kinobesuche, der Aufstieg der künstlichen Intelligenz und wachsender geopolitischer Wettbewerb.

Die Europäische Union überarbeitet derzeit die Rahmenbedingungen, die es dem europäischen Kino ermöglichen, sich zu entwickeln, zu reisen und unsere gemeinsame Stimme in die Welt zu tragen. Dazu gehört auch die Zukunft von MEDIA im neuen AGORA- EU-Programm.

Es ist jetzt an der Zeit, das nächste Kapitel der europäischen Kinogeschichte zu schreiben: mit noch größerem Ehrgeiz, der den Herausforderungen, vor denen wir stehen, gerecht wird. Wir dürfen nicht verkennen, dass das Schicksal der
Demokratie und das des Kinos – beide in Europa geboren – untrennbar miteinander verbunden sind. Denn jedes Mal, wenn ein Kino seine Türen öffnet, behauptet sich das demokratische Leben.

Wir, Filmschaffende Europäerinnen und Europäer, Kinoliebhaberinnen und -liebhaber, fordern die Europäische Kommission, das Europäische Parlament und die Mitgliedstaatenauf, den Erfolg und die Integrität des unverzichtbaren
MEDIA-Programms zukunftsfähig zu gestalten und seine Mittel aufzustocken.

Denn ohne künstlerische Schöpfung gibt es keine gemeinsamen Werte, keine Demokratie und keine geeinte Stimme Europas in der Welt.

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